Vielleicht glaubst Du nicht und willst auch nicht nichts glauben, und findest seit Jahren keine Sprache dafür. Entweder klingt es nach Kirche, oder es klingt nach Gewissheit, die zu billig zu haben ist. Für diese Lücke ist diese Seite geschrieben. Sie führt aus, was auf der Seite Philosophie und Werte in wenigen Absätzen steht.
Meine Frage ist dieselbe wie überall: Wie bleibt Nähe möglich, ohne dass jemand darin verschwindet? Sie gilt zwischen zwei Menschen, und sie gilt zwischen mir und dem, was größer ist als ich. Denn auch dort lässt sich verschwinden. Wer im Großen aufgeht, im Ganzen, im Einen, im Göttlichen, kann dabei ebenso verloren gehen wie in einer Beziehung ohne Grenze. Und wer umgekehrt nur noch gelten lässt, was sich messen lässt, verschließt sich gegen einen Teil seiner eigenen Erfahrung. Beides sind Weisen, sich selbst zu verlassen.
Zwei Seiten einer Wirklichkeit
Wenn jemand Dir sagt, dass er Dich liebt, lässt sich untersuchen, was dabei in seinem Körper geschieht. Hormone, Nervensystem, Bindungsprozesse. Das erklärt etwas Wirkliches, und es erklärt es besser, als jede Innenschau es könnte. Aber aus dieser Beschreibung folgt nicht, dass Liebe nur Biochemie wäre. Die Chemie beantwortet nicht, was es bedeutet, einem Menschen zu vertrauen, und ob Du sein Vertrauen verdienst.
Dieselbe Verwechslung gibt es in die andere Richtung. Wenn Du am Meer stehst und etwas in Dir weit wird, ist diese Erfahrung wirklich. Sie wird nicht kleiner, wenn sich beschreiben lässt, was dabei in Deinem Gehirn geschieht. Sie beweist aber auch keine Theorie über den Grund der Welt. Aus einem Gefühl von Verbundenheit folgt nicht, dass das Universum eine Absicht mit Dir hat.
Darum halte ich Wissenschaft und Spiritualität nicht für Gegnerinnen, sondern für zwei Weisen, derselben Wirklichkeit zu begegnen. Die eine beschreibt und erklärt, die andere fragt, wie ich mit dem, was ist, in Beziehung lebe. Sie können nebeneinander bestehen, solange keine behauptet, was nur die andere prüfen kann. Es sind nicht zwei Welten. Es ist eine Wirklichkeit mit zwei Zugängen, und sie berühren sich ständig: Ein trauernder Körper schläft schlecht, und schlechter Schlaf macht die Trauer schwerer, und beides gehört zu derselben Nacht.
Eines ist dabei nicht symmetrisch, und das sage ich ausdrücklich. Wissenschaft kann meine Überzeugungen verändern, und ich halte das für einen Gewinn. Meine Erfahrung dagegen lässt sich als Erfahrung nicht widerlegen. Widerlegbar ist nur, was ich aus ihr folgere. Was Du erlebst, ist wirklich, auch wenn seine Deutung offenbleibt.
Was ich Spiritualität nenne
Spiritualität ist für mich kein Rückzug aus der Welt, sondern eine Praxis: immer wieder in Kontakt zu kommen, mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit dem größeren Zusammenhang des Lebens. Nicht weniger Welt, sondern mehr.
Ihr Gegenstand ist kein Gegenstand. Sie hat es mit dem zu tun, was nicht in meiner Verfügung steht, und das ist nicht dasselbe wie das noch nicht Erklärte. Das Unverfügbare ist, was auch nach jeder Erklärung nicht mein Besitz wird: dass ich überhaupt da bin, dass ein anderer Mensch mir antwortet, dass eine Einsicht mich erreicht, die ich nicht gesucht habe.
Der Zugang dazu beginnt beim Staunen. Dass die Philosophie mit dem Staunen beginnt, steht schon bei Platon. Aristoteles hat beschrieben, dass der Weg der Erkenntnis im Gegenteil seines Anfangs endet: Was zuerst verwundert, ist am Ende selbstverständlich. Darin folge ich ihm nicht. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, begegnet einer Tiefe menschlicher Erfahrung, die über die eigene Lebenszeit weit hinausreicht. Wer sich mit dem Körper beschäftigt, begegnet einer Komplexität, die jede einfache Erklärung übersteigt. Wissen führt nicht zwangsläufig zu Gewissheit, oft führt es zu Demut. Staunen ist deshalb ein waches Nichtbesitzen, keine Kleinmachung des Verstandes, sondern Weite.
Daraus wachsen drei Haltungen, die zusammen beschreiben, was ich meine. Dankbarkeit erkennt, dass Leben Gabecharakter hat, dass also nicht alles, was mich trägt, von mir hergestellt wurde. Vertrauen ist nicht Wissen, sondern eine Haltung im Nichtwissen, und es ist kein Besitz, sondern ein Vorgang. Und Ehrfurcht ist die Achtung vor dem, was größer ist als mein Zugriff. Ehrfurcht ist mir das wichtigste dieser Worte, weil dieselbe Haltung, die vor dem Unverfügbaren innehält, auch vor einem Menschen innehält.
Ein Wort gehört hierher, weil ohne es das Ganze zu einer Übungsanleitung würde. Gnade nenne ich nicht das Unverfügbare überhaupt, sondern den Teil davon, der mir zugutekommt, ohne dass ich ihn herbeigeführt hätte: ein Wort, das im richtigen Augenblick fällt, ein freundlicher Blick, in dem ich mich für einen Moment anders erfahren kann. Oft geschieht das durch einen anderen Menschen. Ich verstehe das Wort existenziell und nicht dogmatisch, es ersetzt nie das Üben, und es ist kein Heilsversprechen. Den Augenblick kann ich nicht bestellen. Seine Wirkung darf ich trotzdem ernst nehmen.
Vor der Endlichkeit
Vor der Endlichkeit wird am deutlichsten, wie wenig von dem, was zählt, in meiner Verfügung steht. Wir sind ohne jede Leistung hier, nicht als Ideal, sondern als Tatsache, und vom Tod her gedacht verliert die Rechnung ihren Sinn, in der ein Leben sich erst verdienen lässt. Ich habe in der Seelsorge, in der Pflege und in der Begleitung Sterbender gearbeitet und dabei nicht gelernt, dass am Ende die Bilanz zählt. Was zählte, war, ob ein Mensch in seinem eigenen Leben anwesend gewesen war und ob jemand an seiner Seite blieb, wenn es nichts mehr zu reparieren gab.
Gott als Chiffre, die trägt
Wo ich von Gott spreche, geschieht es in diesem Geist: Gott als Chiffre, die trägt, nicht als Lehre, die festlegt. Eine Chiffre erklärt nichts. Sie hält eine Stelle offen und macht sie sagbar.
Dietrich Bonhoeffer hat den Satz geschrieben, an dem die Unterscheidung am schärfsten wird: Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht, Gott ist im Personbezug. Er sagt damit nicht, dass von Gott nichts zu sagen wäre. Was der Satz verweigert, ist der Gott als vorhandener Gegenstand in der Welt, als eine weitere Tatsache neben anderen, über die sich streiten lässt wie über die Masse eines Körpers. Ein solcher Gott stünde unter der Prüfung der anderen Seite und wäre dort schlecht aufgestellt. Der Gott, von dem ich spreche, ist keine Erklärung für eine Lücke im Wissen. Er ist eine Anrede.
Daraus folgt kein Verbot, zu glauben oder zu vertrauen. Es folgt eine Sorgfalt darin, was ich Erfahrung nenne, was Überzeugung und was Wissen. Ich darf Gott sagen und ihm genug Raum lassen, anders zu sein als meine Vorstellung von ihm.
Das hat zwei Schneiden. Was ich erfahren habe, ist nicht das Ganze. Dass ich das Ganze nicht halten kann, heißt aber nicht, dass ich nichts in den Händen hätte.
Verwechsle das Wasser in Deinen Händen nicht mit dem ganzen Meer, aber behaupte auch nicht, Deine Hände seien leer.
Woher das kommt
Ich habe Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Judaistik und Religionswissenschaften sowie Interdisziplinäre Ethik an der Universität Wien studiert. Geprägt haben mich außerdem die Seelsorge, die Pflege, die Begleitung am Lebensende und die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte. Diese Zurückhaltung gegenüber dem eigenen Sprechen habe ich nicht erfunden, und sie ist nicht modern. Sie ist in der Tradition zu Hause, in der ich gelernt habe.
Die alttestamentliche Forschung versteht das biblische Bilderverbot als Verbot von Kultbildern. Ich führe es auf die inneren Bilder weiter, und das ist meine Lesart, keine Behauptung über die Forschung: Jedes Bild, das ich mir mache, nehme ich für das Gemeinte, und genau das soll unterbleiben. Eine verwandte Strenge kennt die jüdische Religionsphilosophie; bei Maimonides lässt sich von Gott eher sagen, was er nicht ist, als was er ist. In der Kabbala heißt der Grund, der jeder Benennung vorausliegt, Ein Sof, das Ohne-Ende. Und die Erzählung, in der Gott bei Abraham einkehrt, zeigt ihn nicht als Besitz, sondern als Gast.
Zwei Züge dieser Herkunft gehören hierher. In der rabbinischen Streitkultur können zwei entgegengesetzte Auslegungen beide Worte des lebendigen Gottes sein, und am Ende wird trotzdem entschieden. Dass die Frage dabei vor der Antwort kommt, ist dort keine Schwäche des Glaubens, sondern seine Form. Und Hiob bekommt am Ende eine Begegnung und keine Erklärung für sein Leid. So lese ich das Buch; es ist nicht die einzige Lesart.
Das Wort Chiffre steht bewusst in der Nähe zu Karl Jaspers, bei dem Chiffren die Sprache sind, in der Transzendenz zur Sprache kommt, ohne Gegenstand zu werden. Und von Emmanuel Levinas kommt die Spur: Was unverfügbar ist, zeigt sich nicht als Gegenstand, sondern als Spur, am deutlichsten im Antlitz des Anderen. Das hat eine Folge, die mir an meiner Spiritualität die wichtigste ist: Sie hat ihren Ort nicht in der Höhe, sondern im Gegenüber.
Warum das undogmatisch ist
Ein Dogma ist für mich nicht eine Überzeugung mit Inhalt. Überzeugungen habe ich, und ich stehe zu ihnen. Ein Dogma ist ein Satz, der sich der Frage entzieht: der nicht mehr geprüft werden darf, der Zustimmung verlangt, bevor er verstanden ist, und der Zugehörigkeit davon abhängig macht, dass jemand eine bestimmte Sprache übernimmt. Undogmatisch heißt deshalb nicht inhaltsleer. Es heißt befragbar.
Daran lässt sich meine Haltung an drei Stellen überprüfen. Die erste ist die Korrigierbarkeit: Ich möchte sagen können, was mich umstimmen würde, und ich kann mich irren. Die zweite ist die Sprache: Auch eine tiefe innere Gewissheit bleibt meine Gewissheit und verpflichtet niemanden. Die dritte ist die heikelste: Präsenz darf eine Einladung bleiben und nicht zum Maßstab werden, an dem Menschen nach innerer Reife sortiert werden. Wer eine Stufenleiter des Bewusstseins aufstellt, hat ein Dogma gebaut, auch wenn er von Offenheit spricht.
Die wirksamste Prüfung richtet sich nach innen. Ich nenne sie die spirituelle Umgehung: das Hohe zu benutzen, um das Niedrige nicht zu fühlen. Lass los, vergib, sei bewusster, nimm es als Lektion. Als Einladung an jemanden, der dafür bereit ist, kann jeder dieser Sätze gut sein. Als moralische Forderung an eine frische Wunde ist er eine zweite Beschämung. Wo Spiritualität dazu dient, Schmerz nicht fühlen zu müssen, ist sie nur eine weitere Weise, sich selbst zu verlassen.
Darum halte ich zwei Dinge auseinander, die in spirituellen Zusammenhängen oft verschwimmen. Mein Verhältnis zu einer Erfahrung und die Bedingungen, unter denen ich lebe, sind zweierlei. Dass jemand innerlich den Griff lockert, hebt äußeren Druck nicht auf, und die Verantwortung der handelnden Person wird dadurch nicht kleiner. Manchmal beginnt Freiheit nicht mit einer Einsicht, sondern mit Abstand, Schutz und Unterstützung.
Ehrlich bleibt zu sagen: Auch meine Position hat Voraussetzungen. Dass jedem Menschen gleiche Würde zukommt, ist eine Entscheidung, die ich begründen, aber nicht aus einer Beschreibung der Welt ableiten kann. Offenheit allein macht eine Position nicht frei von Annahmen. Sie macht die Annahmen sichtbar, und darin liegt der Unterschied.
Für wen das ist
Wenn Spiritualität keine Lehre über Tatsachen ist, sondern die Praxis, sich zu dem zu verhalten, was nicht in der eigenen Verfügung steht, dann ist der Eintritt nicht das Bekenntnis, sondern die Erfahrung, und die Prüfung nicht die Rechtgläubigkeit, sondern die Ethik. Gemeint ist kein besonderes Erlebnis, das sich vorweisen ließe, sondern das eigene Erfahren überhaupt.
Wer glaubt, bringt einen Namen mit und eine Tradition, die ihn trägt, mit Riten, Festen und Gebeten, in denen Generationen vorher dasselbe versucht haben. Nichts davon ist durch das Gesagte entwertet; die Chiffre nimmt dem Gebet nicht die Anrede, sie nimmt ihm die Verfügung.
Wer sich agnostisch versteht, bringt eine Frage mit, die Frage bleiben darf. Hier drängt Dich niemand, sie zu beenden. Ich halte die unentschiedene Frage für eine angemessene Antwort auf das Unverfügbare und nicht für eine halbe Sache.
Und wer atheistisch denkt, bringt eine Weigerung mit, die ich teile: die Weigerung, eine offene Stelle mit einer Auskunft zu füllen, die sich nicht prüfen lässt. Mein Unterschied liegt nicht in der Prüfung, sondern darin, dass ich die offene Stelle bewohne und sie mit einem Wort anrede, von dem ich weiß, dass es sie nicht enthält.
Geteilt werden kann dabei viel: das Staunen, die Dankbarkeit für etwas, dessen Urheber ich nicht benennen kann, die Ehrfurcht vor einem Menschen, das Wissen um die eigene Endlichkeit und die Verantwortung, die daraus folgt. Der Name braucht nicht geteilt zu werden. Manche sagen Gott, andere das Eine, das Leben oder die Wirklichkeit. Ich glaube nicht, dass diese Worte alle dasselbe meinen, und gerade in ihrer Verschiedenheit sind sie mir wichtig. Deshalb mische ich die Traditionen nicht zu einer einzigen zusammen. Ich lasse sie in ihrem Unterschied stehen.
Beliebig wird das nicht, weil es einen Maßstab hat. Nicht jede Deutung ist gleich wahr. Deutungen lassen sich daran messen, ob sie der Würde dienen, ob sie Verantwortung sichtbar machen, ob sie korrigierbar bleiben und ob sie dem Leben dienen, das sie deuten.
Was diese Seite nicht ist
Sie ist keine Glaubenslehre und wirbt für keine. Sie fordert Dich zu keiner Praxis auf, zu keiner Meditation, keinem Ritual, keiner Übung. Sie verspricht keine Erfahrung, und sie sagt Dir nicht, wie weit Du auf einem Weg bist, weil ich solche Wege nicht vermesse.
Sie ist auch keine Therapie und ersetzt keine. Wo Leid größer ist, als Nachdenken tragen kann, verdient es fachliche Begleitung. Wo Du Angst hast oder bedroht wirst, wo Gewalt, Einschüchterung oder Abhängigkeit im Spiel sind, geht Dein Schutz jedem Gespräch vor, und nichts auf dieser Seite verlangt von Dir, zu bleiben, zu verzeihen oder Dich weiter zu öffnen, auch dann nicht, wenn eine Gruppe oder eine lehrende Person es von Dir verlangt. Wenn es gerade zu viel ist, wende Dich bitte an eine dafür ausgebildete Fachperson oder eine Telefonseelsorge, bei Gewalt an eine Beratungsstelle für Gewaltschutz; in akuter Gefahr wähle den Notruf.
Und sie ist kein Werkzeug, um besser zu funktionieren. Was hier steht, macht Dich nicht belastbarer und nicht produktiver. Es kann sein, dass es Dir etwas leichter macht, und ich verspreche es nicht.
Wie Du weiterlesen kannst
Wovon diese Seite ausgeht, steht auf der Seite Philosophie und Werte: mein Menschenbild, meine Werte und die Frage, wie Nähe möglich bleibt, ohne dass jemand darin verschwindet. Die Begriffe, die hier vorkommen, stehen im Glossar der Relationalen Präsenz in ihrer verbindlichen Fassung. Wie ich mir das Miteinander in den Räumen wünsche, die ich eröffne, beschreibt der Kodex.
Was Du hier gelesen hast, gehört Dir, und Du bleibst frei, ihm zuzustimmen, zu widersprechen oder es weiterzuführen. Wenn sich dabei etwas bewegt hat und Du weitergehen möchtest, findest Du die ausgeführte Fassung in meinem Essay „Nicht weniger Welt“ und den gelebten Zusammenhang in meinen Büchern. Nicht weniger Welt, sondern mehr: Das ist alles, was ich mit Spiritualität meine, und es führt nicht nach oben weg, sondern zu dem Menschen, der neben Dir steht.
Zuletzt überarbeitet: 10. Oktober 2026
