Dieser Text ist ein Ausschnitt aus meinem Essay „Individuation und Transzendenz“.
Relationale Präsenz bedeutet nicht, ständig harmonisch oder verfügbar zu sein. Sie bedeutet für mich, die Wirklichkeit der Beziehung nicht zu verlassen. Manchmal heißt das, zu bleiben. Manchmal heißt es, zu gehen. Manchmal heißt es, zuzuhören. Manchmal heißt es, zu widersprechen. Manchmal heißt es, nichts zu tun.
Aufhören zu ziehen
Und hier kommt für mich das taoistische wu wei ins Spiel. Nichtstun wird dabei oft zu passiv übersetzt. Mich interessiert vielmehr die Idee eines Handelns, das nicht ständig gegen die Struktur der Wirklichkeit ankämpft.
Ich kenne Situationen, in denen ich unbedingt eine Lösung herstellen möchte. Ein Konflikt soll sofort geklärt sein. Ein anderer Mensch soll endlich verstehen, was ich meine. Eine Beziehung soll wieder so werden, wie sie vorher war. Ich argumentiere, erkläre, schreibe noch eine Nachricht, denke noch eine Runde darüber nach. Und manchmal besteht die reifere Bewegung darin, aufzuhören zu ziehen. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich anerkenne, dass Wirklichkeit ein Gegenüber hat.
Ich kann mein Angebot machen. Ich kann sprechen. Ich kann meine Position klären. Aber ich kann nicht kontrollieren, was Du daraus machst. Wu wei bedeutet für mich an solchen Stellen nicht: Ich tue nichts. Es bedeutet: Ich tue, was meines ist, und lasse das los, was nicht meines ist.
Das ist wiederum Individuation und Transzendenz zugleich. Ich nehme meine Wirksamkeit ernst. Und ich erkenne ihre Grenze. Vielleicht ist Freiheit genau dort erwachsen, wo sie ihre Begrenztheit nicht mehr als Kränkung erlebt.
Ich kann handeln. Aber ich kann nicht alles bestimmen. Ich kann lieben. Aber ich kann nicht erzwingen, geliebt zu werden. Ich kann mich entschuldigen. Aber ich kann Vergebung nicht verlangen. Ich kann eine Tür öffnen. Aber ich kann Dich nicht zwingen hindurchzugehen.
Diese Einsicht ist nicht klein. Sie kann wehtun. Aber sie kann auch ungeheuer entlasten. Denn ein großer Teil von Kontrolle entsteht aus der Vorstellung, wir müssten Wirklichkeit dazu bringen, unsere Sicherheit zu garantieren.
Sicherheit ist nicht Kontrolle
Relationale Präsenz bedeutet für mich eher, Sicherheit nicht mit Kontrolle zu verwechseln. Ich kann mich halten, während ich nicht weiß, was geschieht. Ich kann eine Beziehung ernst nehmen, ohne ihr Ergebnis zu kennen. Ich kann einen Menschen lieben, ohne eine Garantie auf Dauer zu bekommen. Ich kann mich auf mein Leben einlassen, obwohl ich weiß, dass es endlich ist.
Und vielleicht berührt gerade hier die individuelle Erfahrung die Frage nach dem Letzten. Denn Endlichkeit und Unendlichkeit müssen vielleicht nicht als Gegensätze verstanden werden. Ich bin endlich. Dieser Körper wird sterben. Diese konkrete Biografie hat einen Anfang und ein Ende.
Und trotzdem bin ich jetzt bereits Teil von Prozessen, die weit über mich hinausreichen. Stofflich, biologisch, kulturell, relational. Ich lebe in anderen Menschen weiter, nicht notwendig in einem romantischen Sinn, sondern schlicht dadurch, dass Begegnungen Folgen haben. Ein Satz, den ich sage, kann Jahre später noch in jemandem arbeiten. Eine Verletzung ebenso. Eine Geste von Güte auch. Das macht mich nicht unsterblich. Aber es relativiert die Vorstellung, dass mein Leben eine vollkommen abgeschlossene Einheit wäre.
Keine Flucht in die Einheit
Und diese Fähigkeit, das Gemeinsame im scheinbar Gegensätzlichen zu sehen, bedeutet nicht, Unterschiede zu verwischen. Das ist mir wichtig. Eine nichtduale oder apophatische Haltung darf niemals zur Ausrede dafür werden, konkrete ethische Unterschiede nicht mehr zu treffen.
Wenn alles „eins“ ist, folgt daraus nicht, dass Gewalt und Fürsorge dasselbe wären. Wenn Gegensätze im Letzten zusammenfallen, bedeutet das nicht, dass ich im Alltag ohne Position bleiben könnte. Gerade weil ich Teil von Beziehungen bin, bin ich gefragt zu unterscheiden. Was schützt Würde? Was zerstört sie? Was ist meines? Was ist Deines? Was kann ich verantworten? Was nicht?
Nichtdualität ohne Differenzierung kann schnell zu Gleichgültigkeit werden. Relationale Präsenz hält deshalb beides: die Ahnung tiefer Verbundenheit und die Notwendigkeit klarer Unterscheidung. Vielleicht ist gerade das meine Form von Spiritualität. Keine Flucht in die Einheit. Keine Flucht in die Trennung. Sondern das Üben, beides auszuhalten.
Erst nach innen, dann nach außen
Das lässt sich sehr konkret leben. Wenn ich in einem Gespräch merke, dass mein Körper enger wird, muss ich nicht sofort reagieren. Ich kann kurz bei mir ankommen. Was passiert gerade? Bin ich verletzt? Habe ich Angst? Bin ich wütend? Brauche ich eine Grenze oder brauche ich nur einen Moment? Das ist die Bewegung nach innen.
Dann kann ich wieder nach außen schauen. Was hat mein Gegenüber tatsächlich gesagt? Was weiß ich über seine Perspektive? Was weiß ich nicht? Gibt es hier etwas, das ich hören sollte, bevor ich antworte? Das ist die Bewegung nach außen.
Und erst dann spreche ich. Vielleicht sage ich: Als Du das gesagt hast, habe ich gemerkt, dass etwas in mir zugeht. Ich möchte kurz verstehen, was Du gemeint hast, bevor ich antworte. Das ist keine spektakuläre spirituelle Praxis. Aber für mich ist es eine. Denn ich übe darin, mich selbst nicht zu verlassen und den Anderen nicht vorschnell auf meine Interpretation zu reduzieren.
Oder ich merke, dass ich erschöpft bin und eine Einladung absagen möchte. Die alte Bewegung könnte lauten: Ich muss hingehen, sonst enttäusche ich sie. Eine andere könnte lauten: Ich mache nur noch, was mir guttut. Die anderen müssen damit klarkommen. Relationale Präsenz sucht weder Selbstaufgabe noch Rücksichtslosigkeit.
Vielleicht schreibe ich: Ich hätte Dich wirklich gern gesehen, merke aber, dass ich heute keine Energie mehr habe. Ich möchte absagen, bevor ich dort sitze und innerlich eigentlich schon weg bin. Auch das ist Individuation. Ich nehme mich ernst. Und es ist Beziehung. Ich erkläre mich, weil mir der Andere nicht egal ist.
Vielleicht steckt genau darin der tiefere Sinn von Verantwortung: nicht überall Schuld zu suchen, sondern Antwortfähigkeit zu entwickeln. Ich höre etwas. Ich werde berührt. Und ich antworte. Nicht immer sofort. Nicht immer richtig. Aber anwesend.
Deshalb mag ich das Wort Präsenz so sehr. Präsenz ist weder Passivität noch Kontrolle. Sie ist eine Form des Dableibens. Bei mir. Bei Dir. Bei dem, was gerade tatsächlich ist. Und manchmal auch bei dem, was ich nicht weiß.
Nichtwissen ist ein Raum
Vielleicht ist das die schwierigste Form der Präsenz überhaupt. Nichtwissen auszuhalten. Nicht sofort eine Geschichte zu bauen. Nicht das Unbekannte mit einer Erklärung zu füllen, nur damit es sich wieder kontrollierbar anfühlt.
Apophatische Spiritualität kann genau darin zur Lebenspraxis werden. Ich kann nicht nur über Gott sagen: Ich weiß nicht. Ich kann auch in Beziehungen sagen: Ich weiß gerade nicht, was in Dir vorgeht. Ich weiß nicht, wie diese Geschichte endet. Ich weiß nicht, wer ich in fünf Jahren sein werde. Ich weiß nicht, warum mir das passiert ist.
Nichtwissen ist dann kein Defekt, den ich schnell beheben muss. Es ist ein Raum. Und in diesem Raum kann etwas Neues auftauchen. Vielleicht ist das auch die Verbindung zu wu wei: Nicht jede Leere muss sofort gefüllt werden. Nicht jede Bewegung muss von mir ausgehen. Nicht jede Frage braucht sofort eine Antwort.
Ich kann mich ausrichten und dennoch empfangend bleiben. Ich kann ein Ziel haben und trotzdem zulassen, dass der Weg mich verändert. Ich kann einen Begriff verwenden und wissen, dass er vorläufig ist. Ich kann glauben und offenbleiben.
Vielleicht ist das überhaupt die Haltung, die ich mit Spiritualität verbinde: gerichtete Offenheit. Keine Beliebigkeit. Ich habe Werte. Ich treffe Entscheidungen. Ich setze Grenzen. Ich habe Überzeugungen. Aber ich halte sie nicht so fest, dass Wirklichkeit mir nichts mehr sagen kann.
Meine Sprache bleibt beweglich. Mein Denken bleibt korrigierbar. Mein Ich bleibt unterscheidbar. Und meine Grenze bleibt berührbar.
Wie die Bewegungen nach innen und nach außen zusammengehören, beschreibe ich auch im Text „Je klarer ich werde, desto durchlässiger werde ich“. Wenn Du meine Texte regelmäßig lesen möchtest, kannst Du meinen Brief „Dios Brief“ abonnieren.
Benjamin Dio
