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Je klarer ich werde, desto durchlässiger werde ich

Es gibt eine Bewegung nach innen, die auf den ersten Blick wie Rückzug wirken kann. Ich frage mich, wer ich bin, was zu mir gehört, was ich brauche, was ich will und was ich nicht länger tragen möchte. Ich beginne zu unterscheiden zwischen dem, was in mir entstanden ist, und dem, was mir von anderen übergeben wurde. Zwischen meinen eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen, die ich irgendwann zu meinen gemacht habe. Zwischen Verantwortung und Schuld. Zwischen Verbundenheit und dem Versuch, eine Beziehung dadurch zu erhalten, dass ich mich selbst in ihr immer weniger spüre.

Diese Bewegung nach innen ist notwendig. Nicht weil das eigene Ich wichtiger wäre als alles andere. Sondern weil Beziehung dort schwierig wird, wo ich nicht mehr weiß, wer eigentlich in Beziehung tritt. Wenn ich nicht weiß, was meines ist, kann ich kaum erkennen, was Deines ist. Wenn ich meine Grenzen nicht wahrnehme, wird aus Nähe schnell Verschmelzung oder Rückzug. Wenn ich meine Wünsche nicht kenne, kann ich sie weder aussprechen noch verantworten. Und wenn ich meine Verletzlichkeit nicht halten kann, werde ich vielleicht versuchen, Dich für sie verantwortlich zu machen.

Eine Membran, keine Mauer

Deshalb beginnt vieles mit einer Unterscheidung.

Hier bin ich. Dort bist Du.

Dieser Satz kann zunächst hart klingen. Fast so, als würde eine Grenze gezogen, wo vorher Verbundenheit war. Aber vielleicht ist es genau umgekehrt. Vielleicht entsteht wirkliche Verbundenheit erst dort, wo zwei Menschen nicht mehr ineinander verschwinden müssen. Eine Grenze sagt dann nicht: Du gehörst nicht zu mir. Sie sagt: Ich bin hier, damit ich Dir begegnen kann.

Das Ich ist in diesem Verständnis keine Mauer. Es ist eher eine Membran. Etwas, das unterscheidet und zugleich Kontakt ermöglicht. Eine Haut schützt meinen Körper, aber sie ist gleichzeitig eines meiner größten Wahrnehmungsorgane. Gerade weil sie zwischen mir und der Welt unterscheidet, kann ich Berührung erfahren. Vielleicht verhält es sich mit unserem Selbst ähnlich.

Brauchen, ohne zu besitzen

Je klarer ich werde, desto weniger muss ich mich abschotten. Denn ein ungeklärtes Ich braucht häufig sehr viel Schutz. Es muss wissen, dass es richtig ist. Es braucht Zustimmung, Bestätigung oder Kontrolle. Es muss vielleicht dafür sorgen, dass andere bleiben. Oder dafür, dass niemand zu nahe kommt. Es verteidigt sich, bevor überhaupt jemand angegriffen hat, oder gibt sich preis, bevor jemand danach gefragt hat.

Ein geklärteres Ich kann dagegen sagen: Ich möchte, dass Du bleibst, und ich werde mich trotzdem nicht verlassen, wenn Du gehst. Das ist keine Gleichgültigkeit. Im Gegenteil. Vielleicht ist es sogar eine Voraussetzung dafür, wirklich lieben zu können.

Denn solange mein Fortbestehen davon abhängt, dass Du eine bestimmte Rolle für mich erfüllst, begegnet Dir immer auch meine Notwendigkeit. Ich brauche Dich dann nicht nur als Menschen, sondern als Bestätigung meiner Sicherheit, meines Wertes oder meiner Zugehörigkeit. Das ist menschlich. Niemand lebt ohne Bindung. Niemand braucht nie jemanden. Aber etwas verändert sich, wenn ich erkenne, dass Beziehung tragen darf, ohne meine gesamte Existenz tragen zu müssen.

Ich kann Dich brauchen, ohne Dich besitzen zu müssen. Ich kann mich nach Dir sehnen, ohne mich an Dir festhalten zu müssen. Ich kann enttäuscht sein, ohne daraus abzuleiten, dass Du mich verraten hast. Und ich kann eine Grenze setzen, ohne behaupten zu müssen, dass Du ein schlechter Mensch bist.

Vielleicht ist genau das eine Form von Individuation: nicht die Loslösung von anderen, sondern die Fähigkeit, in Beziehung unterscheidbar zu bleiben.

Abhängig, ohne mich auszuliefern

Und gerade hier geschieht etwas, das zunächst paradox wirkt. Die Bewegung nach innen wird irgendwann gleichzeitig zu einer Bewegung nach außen. Je genauer ich mich kennenlerne, desto deutlicher erkenne ich nämlich auch, dass ich niemals nur aus mir selbst bestehe.

Meine Sprache habe ich nicht erfunden. Mein Körper trägt eine Geschichte, die lange vor mir begonnen hat. Meine Vorstellungen von Liebe, Sicherheit und Zugehörigkeit sind in Beziehungen entstanden. Mein Essen kommt von anderen Lebewesen, mein Atem hängt von Pflanzen ab, mein Leben von unzähligen Menschen, die Straßen bauen, Medikamente entwickeln, Wasserleitungen warten, Getreide anbauen oder nachts irgendwo dafür sorgen, dass ein System weiterläuft, von dem ich kaum etwas weiß. Selbst das, was ich „mein Ich“ nenne, ist also eigenständig und verwoben zugleich.

Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis, das wir oft erzeugen, wenn wir über Selbstständigkeit sprechen. Selbstständig zu sein bedeutet nicht, unabhängig zu sein. Kein Mensch ist unabhängig. Wir sind voneinander, von Körpern, Ökosystemen und gesellschaftlichen Strukturen abhängig. Die reifere Frage könnte deshalb lauten: Wie kann ich abhängig sein, ohne mich auszuliefern? Und: Wie kann ich verbunden sein, ohne mich zu verlieren? Das sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.

Wirklich und nicht letztgültig

Hier beginnt für mich eine Form von Spiritualität, die nicht versucht, das Individuum aufzulösen, sondern es in einen größeren Zusammenhang stellt. Vielleicht ist das Ich wirklich und dennoch nicht letztgültig.

Ich bin dieser konkrete Mensch. Mit diesem Körper, dieser Geschichte, meinen Vorlieben, meinen Verwundungen, meiner Stimme und meinen Beziehungen. Das ist nicht bloß eine Illusion, die ich möglichst schnell überwinden sollte. Mein Leben findet hier statt. Und gleichzeitig kann ich erleben, dass dieses Ich nicht der Rand der Wirklichkeit ist.

Ich stehe am Meer und für einen kurzen Moment wird die Frage, wer ich sein muss, eigenartig unwichtig. Nicht weil ich verschwinde. Sondern weil meine Aufmerksamkeit größer wird als die Geschichte, die ich gerade über mich erzähle. Ich sehe einen Menschen, den ich liebe, lachen, und etwas in mir wird weit.

Nichts davon beweist eine metaphysische Theorie. Und trotzdem geschieht etwas. Ich kann ergriffen sein. Ich kann staunen. Ich kann Dankbarkeit empfinden, ohne genau zu wissen, wem oder was diese Dankbarkeit gilt. Vielleicht ist Spiritualität zunächst genau das: die Fähigkeit, mich von Wirklichkeit berühren zu lassen, ohne sie sofort besitzen zu wollen.

Hier berührt sich diese Haltung mit der coincidentia oppositorum: dem Gedanken, dass Gegensätze im Letzten zusammenfallen können. Aber „zusammenfallen“ bedeutet für mich nicht, dass Unterschiede verschwinden oder bedeutungslos werden. Es bedeutet vielmehr, dass sie nicht länger gegeneinander stehen müssen. Nähe und Grenze. Freiheit und Verantwortung. Stabilität und Bewegung. Selbstsein und Verbundenheit. Individuation und Transzendenz. Ich muss nicht eines wählen und das andere zurückweisen. Vielleicht bedingen sie einander sogar.

Ich werde mehr ich

Das Ich bekommt in dieser Haltung eine eigenartige Würde. Es ist nicht das Zentrum des Universums. Aber es ist der Ort, an dem mir das Universum begegnet. Durch diesen Körper spüre ich. Durch dieses Bewusstsein staune ich. Durch diese konkrete Biografie kann ich Verantwortung übernehmen. Durch meine Grenzen kann ich Dir begegnen.

Und vielleicht liegt darin die tiefere Bedeutung von Individuation: nicht immer kleiner zu werden, bis nichts Eigenes mehr übrig ist, sondern so sehr in das eigene Leben hineinzuwachsen, dass ich mich nicht mehr davor schützen muss, Teil von etwas Größerem zu sein. Ich werde mehr ich. Und gerade dadurch muss sich nicht mehr alles um mich drehen.

Vielleicht ist Transzendenz deshalb keine Flucht aus dem Selbst. Vielleicht beginnt sie dort, wo das Selbst ausreichend sicher geworden ist, um seinen eigenen Rand nicht mehr für den Rand der Welt zu halten.

Ich bin ich. Du bist Du. Wir sind nicht dasselbe. Und dennoch sind wir niemals vollständig voneinander getrennt.

Vielleicht ist genau darin die Bewegung: nach innen und nach außen zugleich. Eine Bewegung, die unterscheidet, damit sie verbinden kann. Die Grenzen zieht, damit Berührung möglich wird. Die Verantwortung übernimmt, damit Freiheit nicht zur Rücksichtslosigkeit wird. Die sich selbst ernst nimmt, ohne sich absolut zu setzen. Und die am Ende vielleicht nicht versucht, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sich von ihr bewegen lässt.

Nicht richtungslos. Aber auch nicht fest. Ausgerichtet und offen. Gehalten und in Bewegung. Ganz bei mir, und gerade deshalb fähig, über mich hinauszureichen.

Aus welcher Haltung ich schreibe, erzähle ich Dir auf der Seite „Philosophie und Werte“. Wenn Du meine Texte regelmäßig lesen möchtest, kannst Du meinen Brief „Dios Brief“ abonnieren.

Benjamin Dio

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